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Luna-Konsum · 10.06.2014 - 21:43 by Andreas Walter

Da hab ich doch ne Notiz vom Mai 2011 im Rechner gefunden.
Eigentlich nur ein Zitat aus einem Buch.

„Du wirkst so aufgewühlt“, stellte Perry fest. Da ihm nichts Besseres einfiel, setzte er sich auf sein Bett.
„Das bin ich auch“, entgegnete Luna. „Ich habe noch nie einen Menschen gesehen, der sich so benommen hat wie Richard.“
„Er ist nicht gerade der beste Vertreter unserer Spezies“, gestand Perry.
„Gibt es dort, wo du herkommst, viele solcher Leute?“, fragte Luna.
„Leider findet man Typen wie ihn nicht selten“, erwiderte Perry. „Normalerweise haben Menschen wie er eine traurige Vorgeschichte. Oft spielt Missbrauch eine Rolle, der sich von Generation zu Generation wiederholt.“
Luna schüttelte den Kopf. „Aber woher kommt der Anreiz, jemanden zu missbrauchen?“
Perry kratzte sich am Ohr. Eigentlich hatte er momentan anderes im Sinn, als tiefgründige soziologische Gespräche zu führen, wozu er sich im Übrigen auch gar nicht im Stande fühlte. Doch er hatte das Gefühl, irgendetwas auf Lunas Frage erwiedern zu müssen. Sie sah ihn gespannt an. „Also, um ehrlich zu sein, habe ich mir darüber noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Aber feststeht, dass es in unserer Gesellschaft eine Menge Unzufriedenheit gibt. Die Leute haben hohe Erwartungen und meinen, dass ihnen bestimmte Dinge zustehen. Es gibt nur wenige, die wirklich zufrieden sind.“
„Das verstehe ich nicht“, staunte Luna.
„Ich nenne dir ein Beispiel“, bot Perry an. „Stell dir vor, jemand hat sich einen Ford Explorer gekauft. Kurz darauf sieht er eine Anzeige, in der ein Lincoln Navigator angeboten wird. Plötzlich findet er seinen Explorer uninteressant.“
„Ich weiß nicht, was das sein soll, wovon du gerade gesprochen hast“, gestand Luna.
„Es ist einfach nur materieller Kram“, erklärte Perry. „Aber wir sind durch die ewige Berieselung mit Werbung so konditioniert, dass wir überzeugt sind, nie das Richtige zu haben und ständig etwas Neues zu brauchen.“
„Ich weiß nicht recht, wei ich mir so ein Verlangen vorstellen soll“, entgegnete Luna. „Bei uns in Interterra gibt es so etwas nicht.“
„Es ist schwer zu beschreiben“, grübelte Perry. „Auf jeden Fall gibt es eine Menge Unzufriedenheit, und in armen Familien, die über weniger materielle Güter verfügen als andere, ist sie am größten. Innerhalb der Familien reagieren sich oft sogar einzelne Familienmitglieder aneinander ab.“
„Klingt traurig“, stellte Luna fest. „Und beängstigend.“
„In gewisser Weise ja“, stimmte Perry ihr zu. „Aber wir sind so programmiert, dass wir nicht ständig darüber nachdenken, denn auf diesem Schema beruht unsere gesamte Wirtschaft.“
„Aber wie kann eine Gesellschaft Gewalt unterstützen?“, fragte Luna. „Für mich klingt das ziemlich befremdlich. Für uns ist es ein Schock, mit Gewalt konfrontiert zu werden. In Interterra gibt es keine Gewalt.“
„Gar keine?“, hakte Perry nach.
„Nein“, versicherte Luna. „Niemals. Ich habe noch nie gesehen, dass ein Mensch einen anderen schlägt. Wenn ich es mir nur vorstelle, bekomme ich weiche Knie.“
„Dann setz dich doch zu mir“…..

S220 – S222
Tauchstation
von Robin Cook
erschienen bei Blanvalet

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